Ferienzeit – Von Klischees und Realitäten

Published On: September 2nd, 2021

Sommerzeit ist Ferienzeit. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du, während du diese Zeilen liest, auf einem Liegestuhl am Meer liegst, in den Bergen herumkraxelst oder vielleicht …

Für Frauen

… vor dem Kleiderschrank stehst und langsam in Panik gerätst, weil dir wie jedes Jahr bewusst wird, dass keine dreißig Kleider, zehn Paar Schuhe, zwanzig Tops, fünf Bikinis und acht Shorts – vom Kosmetik-Krimskrams fange ich gar nicht erst an – in den Koffer passen. Nein, auch dann nicht, wenn du dich zuletzt auf den Koffer setzt, um ihn zuzumachen.

Für Männer

… wie jedes Jahr gerade deinen Koffer packst, in dem zwei Badehosen, eine Shorts, eine lange Hose, ein paar  T-Shirts, ein Paar Schuhe, der Kulturbeutel, deine fünf Bücher, die du schon lange lesen wolltest, und dein Laptop für allfällige Arbeit zwischendurch ohne Probleme Platz finden. Deckel runter, Reißverschluss zu. Fertig.

Vielleicht hast du das Packen ja auch schon hinter dir, und morgen geht’s los. Vorher muss nur noch die Wohnung geputzt werden. Kein Mensch weiß eigentlich, wieso. Eventuell für unsere Pflanzen- und Briefkastenbetreuer? Für unsere daheimgebliebenen Hamster, Meerschweinchen und Katzen? Ich gestehe, auch ich putze vorher. Wie gesagt, keine Ahnung, wieso. Vielleicht als nerviges Abschiedsritual im Bewusstsein, dass ich mir die Ferien wirklich verdient habe? Auch so ein Klischee: sich Ferien verdient zu haben. Als ob es an der Tür klingeln würde und der Ferieninspektor dem Ferienüberwachungsamt Rapport geben müsste. «So, Frau Suter, was haben Sie denn das ganze Jahr so geleistet, dass Sie glauben, in die Ferien fahren zu dürfen?»  Also gehen wir mal davon aus, dass wir genug geleistet haben und uns auf den Weg zu unserem Ferienziel machen. Aber auch das will geplant werden, denn auf uns warten überfüllte Straßen, Flughäfen und Bahnhöfe. Ich höre gerade meine Freundin seufzen, als sie letztes Jahr einen Tag vor der Ferienfahrt sagte: «Ach, weißt du, am schönsten wäre es doch zu Hause. Jetzt, wo alles so schön geputzt und aufgeräumt ist.» Doch das geht leider nicht, denn wir haben gebucht – die Early Birds unter uns natürlich schon vor einem Jahr.

Bei den Urlaubern gibt es für mich hauptsächlich zwei Kategorien (aber natürlich auch Mischformen). Fangen wir mit den Abenteurern an. Die denken: Ich muss mal raus hier, Sachen sehen und erleben, die ich noch nie gemacht habe. Die zweite Kategorie, zu der auch ich gehöre, ist die Schneckenhäuschen-Fraktion. Will heißen, diese suchen nicht primär das Abenteuer, sondern ein zweites Zuhause (deshalb Schneckenhäuschen). Diese Spezies bucht meist jedes Jahr am selben Ort. Sie kommen dann im Hotel an, checken ein, laufen zielsicher zu ihrem Zimmer, schließen auf und denken: Super! Mein Bett, mein Schrank, mein Bad, meine Terrasse. Noch ein wenig Aromaspray und gut ist. Denn Abenteurern schläft wahrscheinlich gerade das Gesicht ein, während sie das lesen, und sie schnauben verächtlich vor sich hin: Wie kann man nur. Das ist ja soooo langweilig. An dieser Stelle zur Verteidigung: Das Schneckenhäuschen kann natürlich auch mal in ein anderes Land ziehen, aber so lange es passt, passt’s. Und noch ein Vorteil: Wir wissen immer, wo wir was finden. Das spart viel Zeit.

Apropos Zeit: auch ein wichtiger Aspekt in den Ferien. Was machen wir denn eigentlich den ganzen Tag lang? Da wären zum einen die durchaus unterhaltsamen Feldstudien. Jedenfalls für mich. Kennst du sicher: Sonnenbrille auf, Hut ins Gesicht und so tun, als ob man schläft oder liest, dabei beobachtest du Menschen.

Da gibt es zum Beispiel die Bücherwürmer. Wenig interessant, denn die liegen ja einfach nur da und lesen, lesen, lesen. Manchmal bewegen sie sich von A nach B. That’s it. Gut, auch möglich: Sie sind selbst getarnte Feldstudienbetreiber. Was sie wohl über mich denken würden? Wahrscheinlich: Wieder eine, die nur so tut, als ob sie schläft …

Dann die Schläfer. Die wälzen sich von einer Seite auf die andere. Den lieben langen Tag. Tagein, tagaus. Für mich ein Phänomen, aber auch nicht wirklich interessant.

Dann die Self-Toucher. Die fummeln den ganzen Tag an sich herum – mit Sonnenmilch eincremen, an den Haaren rupfen, Haare richten, an der Badehose zupfen – und scheuen auch nicht davor zurück – ich sag’s jetzt mal    harmlos –, kosmetische Eingriffe an sich vorzunehmen.

Dann sind da noch die Kontakt-Piranhas. Auch wenn sie zu zweit unterwegs sind, können sie einfach nicht allein sein und lauern somit anderen geradezu auf. Ihr Ziel ist nicht, Menschen kennenzulernen, um sich dann ungezwungen ab und zu mit ihnen zu treffen, sondern sie suchen Begleitung. Und das am besten rund um die Uhr. Kaum stehst du auf und gehst in ihre Richtung, winkt es dir schon entgegen: Na, wie geht’s denn heute? Lust auf Kaffee oder Tee? Nein? Wie wär’s denn später zusammen zum Markt? Nein? Hmm … Aber Apéro vor dem Dinner? Oder am besten Apéro und Dinner?

Und schließlich die Selfie-Fans. Auch lustig zu beobachten: Kamera an, Lachen an. Kamera aus, Lachen aus. Checken, ob das Foto gut geworden ist. Was offensichtlich nicht der Fall ist, denn: Kamera an, Lachen an. Kamera aus, Lachen aus. Diesmal hat es offenbar funktioniert, denn nun ist ein neuer Gesichtsausdruck an der Reihe: Kamera an, Fischmund an. Kamera aus, Fischmund aus. Fischmund ist übrigens nicht zu verwechseln mit Duckface. Falls du nicht weißt, was das ist: Googlen und die Bilder auf dich wirken lassen. Da können schon ein paar Stunden vergehen, bis alles für Facebook und Instagram im Kasten ist. Wobei das ja gar nicht so harmlos ist, wie man immer denkt. Offenbar bringen sich viele Menschen mit ihrem Selfie-Wahn in gefährliche Situationen, die manchmal sogar tödlich enden. Vor allem beim Schwimmen.

Aber irgendwann ist fertig beobachtet, und spätestens nach vier Tagen kennt man seine Pappenheimer in- und auswendig. Außer es kommt «Frischfleisch» dazu. Das reicht aber auch nicht für den ganzen Tag. Also, wenn wir keine Schläfer, keine Bücherwürmer, keine Self-Toucher (hoffe ich zumindest … Falls doch: Hör auf damit, das will niemand sehen!) sind, was tun wir dann? Ausflüge? Gute Idee. Kultur und Shopping sind eine schöne Abwechslung. Aber Abwechslung von was? Vom Liegestuhl? Und irgendwann machen sich ein wenig Trägheit und Langeweile breit, und so fangen wir an, uns nach innen zu wenden. Doch das wollen ja die wenigsten: Es ist Ferienzeit, und wir haben keine Lust, Probleme zu wälzen. Apropos Langeweile: Irgendwo habe ich gelesen, dass sich in einer Studie Probanden lieber einen Stromschlag verpasst haben, als fünfzehn Minuten ruhig auf einem Stuhl zu sitzen. Unglaublich, oder? Aber eben gerade durch Langeweile können Themen aufkommen, die wir nicht wahrhaben wollen. Ferienzeit kann auch eine Einladung zur Selbstreflexion sein. Vielleicht überlegst du dir, ob die Art von Ferien, die du gerade erlebst, für dich stimmt? Gibt es noch bessere Möglichkeiten? Was brauchst du, um optimal zu entspannen? Erhoffst du dir zu viel von den Ferien, weil du während des restlichen Jahres nicht gut genug nach dir schaust und dir zu wenig Ruhepausen gönnst? Gehst du vielleicht Themen aus dem Weg, die du hoffst, in den Ferien angehen zu können? Vielleicht hast du auch noch andere Fragen in dir, die so wichtig sind, dass du sie dir beantwortest.

Die Kunst in solchen Momenten ist, sich von der Langweile in einen Zustand der Entspannung zu begeben und einfach mal nichts zu denken: die Seele baumeln lassen. Erinnerst du dich an die Sommer, als du noch ein Kind warst? Diese natürliche Unbekümmertheit des Seins. Genau so, das meine ich. Einfach sein. Und wenn deine Seele dann so entspannt vor sich hin baumelt, ist vielleicht genau der richtige Moment, ihr all deine Fragen zu stellen und ihren Antworten zu lauschen.

Und falls dir doch so langweilig wird, dass du dein ganzes Feriendasein hinterfragst: Halt dich bitte von Steckdosen fern. Das ist wirklich keine Lösung und zudem: Nur den wenigsten steht krauses Haar.

Behalte lieber die Selfie-Fans im Auge. Nur damit du im Notfall eingreifen kannst, wenn sie mit Fischmund wild entschlossen Richtung Pool marschieren.

In diesem Sinne wünsche ich dir eine wunderbar frohe Sommerzeit.

Auf deinem einzigartigen Weg wünsche ich dir Liebe, Licht und Frieden und das Bewusstsein, dass du nicht alleine bist! Fühl‘ dich umarmt, geliebt und gesegnet.

Susanna

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